
Der „Fall Güntzler“ wird wohl zum Sommertheater in der niedersächsischen Landespolitik. Es hat sich da zwischen Göttingen, Hannover und Berlin ein einmaliger Vorgang ereignet: Der 60-jährige Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler wird am 23. Juli an seinem Urlaubsort gefragt, ob er neuer Bundesverkehrsminister werden will. Er wird zuerst von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann angerufen. Güntzler ist von der Idee angetan, signalisiert Zustimmung. Am frühen Abend telefoniert der Kanzler direkt mit Güntzler, und am Ende des zehnminütigen Gesprächs steht die Zusage. Alles scheint geregelt, Güntzler macht sich auf den Weg nach Berlin, wo Merz am 24. Juli um 9 Uhr die neue Kabinettsriege (Warken, Linnemann und eben Güntzler) vorstellen will.
Dann aber geschieht das Einmalige, Unerklärliche. In der Nacht zum Freitag in Berlin kommen Güntzler Bedenken, er grübelt. Es heißt, ihm sei klar geworden, wie verwurzelt er in der Finanzpolitik ist und wie wenig er bisher mit dem Feld der Verkehrspolitik zu tun hatte. Gegen 4.30 Uhr soll Güntzler eine SMS an Merz geschickt haben, gegen 6 Uhr dann mit ihm telefoniert haben. Güntzler soll um Verständnis für seine Bedenken gebeten haben. Angeblich bot Güntzler an, den Job doch zu machen, wenn Merz ihn jetzt in die Pflicht nehme. Das aber soll der Kanzler abgelehnt haben. Ist Güntzler überrumpelt worden? Er hätte um mehr Bedenkzeit bitten können - doch das tat er, offenbar beeindruckt vom Angebot, nicht. In der Niedersachsen-CDU, auch unter den Bundestagsabgeordneten, ist der Ärger riesengroß. Zum einen wegen der Wankelmütigkeit von Güntzler, zum anderen deshalb, weil der Vorgang den Versuch von Merz, mit dem neuen Personaltableau einen Befreiungsschlag und neue Aufbruchstimmung zu erzeugen, verhagelt hat.
Dreimal hat Friedrich Merz bisher niedersächsische CDU-Bundestagsabgeordnete gefragt, ob sie in sein Kabinett wollen. David McAllister hätte im Mai 2025 Bundesaußenminister werden können. Er sagte ab. Der Osnabrücker Mathias Middelberg wurde auch gebeten - für den Posten des Staatsministers im Auswärtigen Amt mit Zuständigkeit Europapolitik. Staatsminister sind gehobene Staatssekretäre mit permanentem Anwesenheitsrecht im Kabinett. Auch er verzichtete. Der dritte in dieser Reihe ist Güntzler, im Vergleich zu den anderen mit dem Unterschied einer zurückgezogenen Zusage. Hätte Güntzler hier mehr ein Parteisoldat sein müssen? Hätte Merz ihn früher fragen müssen, um ihm mehr Bedenkzeit zu geben? Immerhin ging es um mehr als nur eine Personalie. In der Niedersachsen-CDU ist der Unmut bereits seit Mai/Juni 2025 groß: Der zweitgrößte CDU-Landesverband ist nur mit Staatssekretären und nicht mit Bundesministern im Kabinett vertreten, während sich niedersächsische SPD-Politiker im Ministerrang dort häufen. Das wird als gefährliche Schieflage angesehen, gerade vor der wichtigen niedersächsischen Landtagswahl im Herbst 2027. Die SPD betrachtet das bereits mit Spott und Häme. In der Spitze der Bundes-CDU wurde der Anspruch der niedersächsischen Parteifreunde erkannt - Merz und Linnemann sollen schon vor vielen Monaten Abhilfe versprochen haben.

Vor vier Wochen soll Merz den CDU-Landesvorsitzenden Sebastian Lechner noch einmal gefragt haben, welche Personen er für „ministrabel“ hält. Lechner nannte Güntzler, Middelberg und den früheren Staatsminister im Kanzleramt, Hendrik Hoppenstedt aus Hannover-Burgwedel. Das war wohl eine vorsorgliche Frage für eine mögliche Kabinettsumbildung in einigen Monaten. Der Rücktritt von Jens Spahn muss die Prozesse dann beschleunigt haben. Im Kanzleramt war ja bekannt, dass die Niedersachsen einen Ministerposten haben wollen, Lechner hatte auch drei Namen genannt. Es heißt, Merz habe sich für Güntzler und gegen Middelberg und Hoppenstedt entschieden. Warum er die beiden anderen nicht wollte, bleibt ein Geheimnis und deutet wohl auf eine gewisse Voreingenommenheit. Angeblich plädierte der Kanzler für Güntzler, ohne vorher noch einmal Lechner einzubinden. Der Landesvorsitzende soll zwar nach dem Spahn-Rücktritt lediglich noch einmal an den Anspruch der Niedersachsen erinnert haben. Dass Merz dann Güntzler fragte, soll Lechner erst am 23. Juli vom Göttinger selber erfahren haben, als dieser zunächst zugesagt hatte. Da war der weitere Verlauf nicht mehr aufzuhalten.
Wie geht es nun weiter? Der nächste Bundesverkehrsminister kommt nicht aus Niedersachsen. Die große Chance, ein gutes Jahr vor der Landtagswahl ein Defizit bei der regionalen Zusammensetzung des Bundeskabinetts zu tilgen, ist wohl verstrichen. Merz hat ebenfalls eine Möglichkeit verpasst, sein Standing bei der Niedersachsen-CDU zu verbessern. Auch das ist ein Manko, das der CDU in Niedersachsen wohl schaden könnte. Die politische Konkurrenz reibt sich schon die Hände.


