
Die Kantine des Landgerichts ist groß, sehr groß. Durch die Fenster kommt viel Licht hinein – und ausreichend Sitzplätze gibt es immer. Vielleicht bald zu viele? Ralph Guise-Rübe, der Präsident des Landgerichts, ist ein innovativer, in die Zukunft denkender Mensch. In einigen Jahren, schätzt er, wird wohl nur noch jeder zweite Mitarbeiter morgens ins Büro kommen, um seine Arbeit zu erledigen. „Ganz viele Tätigkeiten“ würden dann im Homeoffice erledigt – und auch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten sei eine Entwicklung, die sich fast automatisch durchsetzen werde. Allen Acht-Stunden-Tag-Protestschildern des DGB zum Trotz. Was ist dann aber mit der schönen Kantine? Wird sie auf kurz oder lang leer stehen?
Vielleicht auch nicht, denn aus umliegenden Behörden, Verbänden und Firmen kommen derzeit viele, die hier ihren Mittagstisch einnehmen. Es hat sich herumgesprochen, wie gut man hier speisen kann. Ralph Guise-Rübe gefällt, dass sich die Qualität der Kantine herumspricht. Er selbst ist aus einem Grund allerdings nicht der ideale Werbeträger. Denn der 60-jährige Präsident des Landgerichts pflegt mittags zu fasten. „Ich beschränke die Nahrungsaufnahme auf einmal täglich, meistens abends“, sagt er. Warum? „Das hat sich so ergeben.“ Doch weil die Kantine auch ein sozialer Ort ist, an dem viele Informationen ausgetauscht, berufliche Beziehungspflege praktiziert und auch mal private Botschaften ausgetauscht werden, kommt er trotzdem manchmal hierher. Von vielen Mitarbeitern wird er freundlich gegrüßt, Guise-Rübe legt großen Wert auf Kollegialität und flache Hierarchien, das findet Respekt. In solchen Momenten muss der Präsident auch kein Sakko tragen. Und wenn er auch schon nicht essen will in der Kantine, dann kommt er doch häufiger vorbei, um sich an verschiedenen Kaffeerunden der Mitarbeiter zu beteiligen. Da geht es immer betont locker zu.

Dabei ist Guise-Rübe in seiner Position landesweit schon ungewöhnlich. Er schreckt vor öffentlicher Kritik an den Zuständen der Justiz nicht zurück, oft zum Ärger etwa von Juristenkollegen im Justizministerium oder in anderen Gerichten. Als es vor Jahren schon mal sehr heiß war, spendierte er Mineralwasser für die Beschäftigten, wegen der Fürsorgepflicht. Das löste damals staatsanwaltschaftliche Ermittlungen aus, da Beamte keine Geschenke annehmen dürfen. Ein Irrsinn, meinte nicht nur er, viele stimmten ihm zu. Doch Vorschrift ist in Deutschland eben Vorschrift. In diesem Jahr umging er den Ärger und zahlte die Getränke für die Beschäftigten aus seinem privaten Portemonnaie. Wenn es um die Digitalisierung geht, um Einsatz von KI, um die Modernisierung der Abläufe oder auch um das Einsparen einiger kleiner und unwirtschaftlicher Amtsgerichte – dann zählt Guise-Rübe sehr häufig zu denen, die auch öffentlich ihre Ansicht äußern. Meistens bleibt er damit allein, denn Bekennermut gegen die herrschende Linie der Politik ist in Niedersachsen leider nicht alltäglich. Übertriebene Anpassung und Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten sind Guise-Rübes Sache jedenfalls nicht. Mögen andere es anders handhaben.
Seit 2014 ist Guise-Rübe Landgerichtspräsident, erst vier Jahre in Hildesheim und seither in Hannover. Das Organisatorische und die Repräsentation zählen zu seinen Aufgaben, die Beurteilung von Mitarbeitern, die Beförderungen und andere Personalangelegenheiten. Daneben gibt es noch kleinere Zivilsachen – vor allem in der Mediation. „Drei bis vier Fälle monatlich“, landen da auf seinem Tisch. Im nächsten Jahr kommt noch eine größere Sache hinzu, nämlich das Verfahren gegen Continental-Manager wegen der Verwicklung in den VW-Manipulationsskandal. Das wird eine große, aufwendige Sache, und Guise-Rübe selbst hat den Vorsitz übernommen – eine Entscheidung, die er als Präsident selbst treffen konnte. Ein Grund dafür mag der Personalmangel im Haus gewesen sein. Vielleicht war es ein bisschen auch die Sehnsucht, mal wieder selbst auf dem Richterstuhl Platz nehmen zu können.
Ein leidenschaftlicher Jurist ist Guise-Rübe schon, ein Vollblut-Richter. Aber in seinem Leben gibt es noch eine zweite Seite, die ihn regelmäßig in andere Länder und auf andere Kontinente führt. Seit 2014 wirkt er in der Organisation „Child-Found“ mit, dort werden Spendengelder für soziale Entwicklungsarbeit in armen Gegenden gesammelt. Guise-Rübe reist regelmäßig dort hin und schaut, wie das Geld verwendet wird. „Zwei Dinge sind beispielsweise in Afrika besonders wichtig“, sagt er, „die Kinder müssen geimpft werden und sie müssen zur Schule gehen können“. Gesundheitsvorsorge und Bildung seien zwei wichtige Elemente für die Entwicklungshilfe – und auch eine Vorkehrung gegen das weiter ungebremste Wachstum der Weltbevölkerung. Besondere Projekte in Brasilien, Uganda und Indien hat er betreut, vor allem aber solche auf den Philippinen. Die Patenschaft zu einer dortigen Familie hat nun schon seit vielen Jahren Bestand, die Kinder besuchen ihn ab und an auch in Hannover.

Das Mittagessen in der Kantine schmeckt gut, es gibt Lachs mit Nudeln. Guise-Rübe sagt, dass er zu Beginn seiner Arbeit hier auch einen Tag lang das Kantinenpersonal begleitet und gesehen hat, wie die Speisen täglich frisch zubereitet werden. Heute bleibt sein Platz ohne Teller, er hat sich nur einen Becher Kaffee bringen lassen – und philosophiert über das Thema Mitarbeiterzufriedenheit. Warum, lautet seine These, soll man nicht auch ungewöhnliche Schritte versuchen, wenn diese dazu dienen, dass sich die Kollegen in der Behörde wohler fühlen? Seit einigen Monaten gibt es im Landgericht die Gelegenheit, den eigenen Hund mit ins Büro zu bringen. Das gilt natürlich nur für die Tiere, die den Tag über brav neben dem Schreibtisch von Herrchen oder Frauchen verbringen und nicht viel Auslauf brauchen. Die aufmüpfigen Köter müssen draußen bleiben. „Das Konzept hat sich bewährt“, sagt der Landgerichtspräsident. 20 Hunde haben hier ein neues Zuhause gefunden, beschränkt allerdings nur auf die Bürozeiten. „Und gestört fühlt sich niemand dadurch“, sagt Guise-Rübe. Auch ein Beispiel für seine Devise, dass man vieles doch einfach mal ausprobieren sollte, bevor man sich dafür oder dagegen entscheidet.
Das Fazit für die Kantine des Landgerichts: Eine helle und freundliche Atmosphäre, ein zugewandtes Personal und reichlich Auswahl an frisch zubereiteten Speisen zu Preisen um die 10 Euro. Es wäre schade, wenn sie irgendwann wegen mangelnder Auslastung schließen müsste.


