15. Juli 2026 · 
SerieKultur

Warum der Finanzminister das Golfspielen für die Ablenkung von den vielen Zahlen braucht

Wie nutzen die Politiker und Spitzenbeamten die Mittagspause in Hannover? Gehen sie in die Kantine oder in ein Restaurant? Heute: Gerald Heere.

Gerald Heere und Klaus Wallbaum speisen im Restaurant „Ruenthai“. | Foto: Johannes Pepping

Früher war alles anders, war es auch besser? Früher hätten die Mitarbeiter des Finanzministeriums, zu denen auch der Minister gehört, zur Mittagszeit in der Kantine des Hauses Platz genommen und dort gespeist. Doch das Gebäude befindet sich im Umbau, und die Küche ist geschlossen. Man könnte nach nebenan ausweichen, in den repräsentativen Bau des Sparkassenverbandes. Aber will man das, als Finanzminister bei den Sparkassen günstig speisen? Zumal doch das Land und die von Kommunen getragenen Sparkassen zwar in sehr vielen, aber längst nicht in allen Fragen immer einig sind. Gerald Heere hat sich für das thailändische Restaurant „Ruenthai“ entschieden, auf halbem Wege zwischen Ministerium und Bahnhof gelegen. Das ist weit weg von irgendwelchen möglichen Interessenkonflikten. Ein kleines, aber feines Lokal, stilvoll eingerichtet und mit einer üppigen Auswahl bestückt. Zur Begrüßung gibt es automatisch eine Vorsuppe, das gehört hier zum Standard. Wenn man hier ankommt und sich umschaut, ist von den massiven Behördenbauten am Schiffgraben nichts mehr zu sehen. Eine andere Welt.

Die thailändische Küche gefällt dem Minister. Rotes Curry, eine scharfe Soße, gebratenes Fleisch und Gemüse. „Das nehme ich öfter“. Abends soll es hier auch schön sein, doch abends war Gerald Heere noch nicht hier. Denn er ist Familienmensch und hat für sich das Prinzip ausgegeben: „Nicht mehr als zwei Abendtermine“. Das heißt im Umkehrschluss: An fünf Abenden in der Woche ist er abends nach Dienstschluss zuhause bei seiner Frau und den beiden Söhnen, drei und sechs Jahre alt. Das klappt nicht immer, aber grundsätzlich schon. Heeres Frau ist als Juristin halbtags in einer Behörde tätig, sie kümmert sich hauptsächlich um die Kinder. Seine Aufgabe ist es, die Kleinen morgens in den Kindergarten zu bringen und abends – wenn möglich - beim Gang zu Bett zu begleiten. Er selbst bleibt dann noch länger wach, viel Schlaf gönnt sich der 47-Jährige nicht. Ein Leben als Minister kann stressreich, von Terminen überhäuft und von ganz unterschiedlichen Problemen überladen sein. Wie auch immer, für ihn gibt es eigentlich immer lange Tage. Dreieinhalb Jahre nun macht er diesen Job schon, aber viele der negativen Begleiterscheinungen eines Politiker-Spitzenamtes sind bei ihm (noch) nicht erkennbar. Vielleicht sind sie nicht da, vielleicht kann man sie aber auch nur nicht entdecken. Übertriebenes Misstrauen? Meistens nicht. Um den heißen Brei herumreden? Das passiert selten. So stark Teil der Abhängigkeiten zu sein, dass man nur noch in Bündnissen und Seilschaften denkt? Das passt zu ihm nicht.

Von außen eher unscheinbar: das Restaurant "'Ruenthai". | Foto: Wallbaum

Das kleine bescheidene Restaurant mit dem gediegenen Ambiente und der freundlichen Atmosphäre passt allerdings schon zu ihm. Es ist ein kleiner Rückzugsort vom Alltag im Ministerium, wenigstens für die Mittagszeit. Heere ist ein durch und durch rationaler Kopf, kaum jemand ist so gut organisiert wie er. Er hat sich Freiräume gesichert, in denen er möglichst nicht gestört werden will. Dazu gehören der Morgen und der Abend im Familienkreis, dazu zählt auch das zwar selten, aber dann mit großer Leidenschaft und tiefer Konzentration ausgeübte Hobby – das Golfen. Wie kam es dazu? 2015, als damals noch neuer Abgeordneter, spürte Heere, wie fordernd die Aufgabe ist, ganz viele Themen, Konstellationen und Lösungsvarianten parallel im Blick zu behalten. Er suchte einen Ausgleich – und fand ihn im Golfspielen. Da laufen doch aber viele Snobs und Angeber rum, wendet der Reporter ein? „Ja, aber das stört mich nicht. Ich suche für mich Entspannung, darum geht es.“ Die Porsches auf dem Parkplatz berührten ihn weniger – interessanterweise jedoch seien viele davon Elektrofahrzeuge. Snobismus als Öko-Variante. Aufgefallen ist ihm das schon, immerhin. Zweimal monatlich versucht Heere auf dem Golfplatz zu sein – dann jeweils für vier Stunden. Die meiste Zeit sei man allein mit seinem Spiel und probe Variationen aus, wie man den Ball am besten ins Loch bekommt. Man buche einen Slot und müsse in der vorgegebenen Zeit sein Bestes erreichen. „Das geht nicht ohne Konzentration“, sagt Heere. Schnell muss es dann auch gehen, da die nächsten schon warten, an die Reihe zu kommen. Konzentration heißt dann zwangsläufig auch, die Welt der Politik und ihrer Probleme mal für gewisse Zeit auszublenden und nicht zu wichtig werden zu lassen.

Noch eine Besonderheit zeichnet Heere aus: Es kommt vor, dass er über bestimmte Vorgänge Statistiken anlegt und daraus Schlussfolgerungen zieht. Ein Kopfmensch also, ein Zahlenmensch – ein Kombinierer. Es gibt die Vollblutpolitiker, die aus dem Bauch heraus agieren, mit Leidenschaft, Herzblut und vorpreschend, ohne Rücksicht auf Verluste. Und es gibt Leute wie Heere, die sich eine Strategie zurechtlegen. Und sei es auch die Strategie, mittags dem Ministerium-Gewusel mal zu entfliehen.

Die Teller sind fast schon leer, da kommt die Frage nach dem Lebensweg. Was hat ihn zur Politik gebracht? Sein Elternhaus war bürgerlich, aber nicht sonderlich politisch. Der Vater hat beim Bundesgrenzschutz gearbeitet, die Mutter war Arzthelferin, er ist das jüngere von zwei Kindern und der erste in der Familie, der studieren konnte. Als Grundschüler, mit 7 Jahren, durfte er nicht auf dem Schulhof spielen und hat das erst nicht verstanden. Später hat man ihm erklärt, dass kurz nach dem Unglück von Tschernobyl 1986 die Lehrer sehr große Angst vor den Strahlen hatten. Vielleicht hat ihn das schon zur Öko-Partei geführt. Zur Kommunalwahl 1996 durfte er erstmals wählen und entschied sich für die Grünen. Der Klimaschutz, der Zustand der Erde und der Schutz der Umwelt, das habe ihn immer schon beschäftigt. Aber so richtig „links“ war er nicht, ist er wohl bis heute nicht. Nach dem Abitur ging er zur Bundeswehr, lernte Panzerfahren. Danach wechselte er nach Braunschweig, studierte Politik und Neuere Geschichte, sein Professor war Ulrich Menzel, der sich mit dem Aufstieg und Fall großer Weltmächte beschäftigte. Diese globalen Fragen, auch ökonomisch und handelspolitisch, haben Heere immer interessiert. Neben der Politikwissenschaft entwickelte er ein Faible für die Informatik, in der empirischen Sozialforschung versucht er Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Entwicklungen zu erkennen. Vielleicht wäre er an der Uni geblieben, wenn die Politik für ihn nicht bald schon schnelle Erfolge gezeigt hätte – bei der Kommunalwahl 2006 in Braunschweig, dann in den Folgejahren erneut, 2013 bei der Landtagswahl. 2017 klappte die Wiederwahl ins Landesparlament erst nicht, dann rückte er nach – und bekam bei der nächsten Listenaufstellung 2022, obwohl zum schwächeren Realo-Flügel gehörig, sogar den guten Listenplatz vier.

Foto: Wallbaum

Warum ist das so? Vermutlich liegt es am sympathischen, bescheidenen Erscheinungsbild von Heere. Mag sein, dass sein nettes Wesen dazu verleitet, ihn auch zu unterschätzen. Denn Heere ist auch ein Stratege, hat sich über Jahre eine große Kompetenz in der Finanzpolitik erworben und genießt schon allein deshalb heute einen großen Respekt in der Partei. Manche sagen, er sei wegen dieser guten Kenntnisse und Fähigkeiten „unverzichtbar“ im Spitzenteam. Und klar ist auch: Heere will weitermachen. Minister zu sein nur um des Ministeramtes Willen, das wäre nichts für ihn gewesen, sagt er. Wenn schon, dann muss es das Finanzministerium sein. „Ein Job mit riesiger Verantwortung“, betont er. 

Wie lange will er das machen? Da lässt sich Heere nicht in die Karten schauen. „Mit Demut“ müsse man an diese Aufgaben herangehen. Manchmal wird ihm bewusst, dass politische Spitzenämter in der Demokratie nur auf Zeit vergeben werden. Beispielsweise, wenn er auf dem Gang in sein Büro an der Galerie der Porträts seiner Vorgänger vorbeischreitet. „Anderthalb Wahlperioden“ hätten diese so im Schnitt ihre Ministertätigkeit ausgeübt, die einen länger, die anderen kürzer. Das sind so sechs bis sieben Jahre. Wichtig seien ja immer die Vorhaben, die man verfolge – die aktuellen und die, die man noch anschieben möchte. Dabei sei immer klar, dass von heute auf morgen Schluss sein kann. Aber einen Überdruss an der Politik hat er bisher noch nicht verspürt. Erträglicher sind solche Jobs, wie er sie hat, vermutlich dann, wenn es Gelegenheiten zur Flucht in die normale Welt gibt oder in Bereiche, die zur Ablenkung so gut taugen wie ein Golfplatz. Das Restaurant „Ruenthal“ hat was davon, es ist zwar beliebt bei Mitarbeitern des Finanzministeriums – aber irgendwie fühlt man sich, wenn man hier sitzt, doch sehr weit entfernt von diesem Dienstort. Die Kollegen, die auch hier essen, sind an diesem Ort mehr Gäste und weniger Kollegen. Ob das der Grund ist, weshalb Gerald Heere hier so gern hingeht?

Fazit des Restaurants Ruenthai (Lavesstraße 79, 30159 Hannover): Es schmeckt hervorragend, man kann hier gut plaudern - und die Preise halten sich auf einem vertretbaren Niveau. Den Mittagstisch gibt es täglich für 11,90 Euro - viel günstiger ist es andernorts dann auch nicht.

Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum

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