22. Mai 2026 · 
MeldungKultur

Rechtsverstoß oder übertriebene Sanktion? Wirbel um Personalie in der Stadt Braunschweig

War es verkehrt, dass der Schwager eines SPD-Bundestagsabgeordneten die Leitung des „Hauses der Vielfalt“ in Braunschweig übernommen hat? Eine Personalie verursacht viel Wirbel.

Wirkt im Bundestag: Christos Pantazis. | Foto: Photothek

Der erst zu Jahresbeginn eingestellte neue Leiter des „Hauses der Vielfalt“ in Braunschweig musste kurzfristig wieder gehen – und zwar auf Betreiben der Braunschweiger Sozialdezernentin Christina Rentzsch (SPD). Die Ursache war offenbar, dass es „einen Verstoß gegen Compliance-Regeln gegeben hat“, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Bekannt ist, dass der ausgewählte Leiter der Schwager des SPD-Bundestagsabgeordneten Christos Pantazis war – und seine Frau, Tanja Pantazis, ist in der Volkshochschule Braunschweig zuständig für die politische Bildungsarbeit.

Inzwischen zieht der Fall Kreise. Die einen sagen, hier sei eine fragwürdige Personalie „durchgerutscht“ – und das liege in der Verantwortung der VHS, deren Geschäftsführung frühzeitig hätte eingreifen müssen. Die anderen halten die Reaktion der Stadtspitze für übertrieben und für politisch motiviert. Die Volkshochschule als hundertprozentige Tochter der Stadt hat inzwischen weitgehend die Hoheit über das „Haus der Vielfalt“, das früher „Haus der Kulturen“ hieß. Die Vorgeschichte dieser Einrichtung, die vor allem für die Betreuung und Koordination der Migrantenarbeit leistet, ist wenig ruhmreich. Bis zum vergangenen Jahr war ein Trägerverein verantwortlich, in dem Migrantenorganisationen vertreten waren. Dann gab es Untreue-Vorwürfe und die organisatorische Neuaufstellung – mit dem neuen Schwergewicht auf die VHS. Nach Informationen, die dem Politikjournal Rundblick zugegangen sind, stellen sich die weiteren Abläufe so dar: Die VHS ging auf die Suche nach einem neuen Geschäftsführer, der Bruder von Tanja Pantazis bewarb sich. Tanja Pantazis selbst soll auf das Verwandtschaftsverhältnis hingewiesen und gemeint haben, damit sei der Transparenz ausreichend genüge getan. Angeblich hat auch die Sozialdezernentin als Aufsichtsratsvorsitzende der VHS damals schon von den Verwandtschaftsbeziehungen erfahren. Der Bruder hatte wohl die überzeugendste Vorstellung geliefert und wurde Ende Januar eingestellt. Als er noch in der Probezeit war, wurde der familiäre Zusammenhang zwischen Tanja Pantazis und ihrem Bruder zum Thema. Angeblich ist das wohl an OB Kornblum herangetragen worden. Es heißt, die VHS-Aufsichtsratschefin habe erst sehr spät erfahren, dass Tanja Pantazis selbst am Einstellungsverfahren „beteiligt“ gewesen sei. Daraufhin soll Rentzsch im März auf die sofortige Beendigung des Arbeitsverhältnisses gedrängt haben. Dazu soll der Bruder ins Rathaus bestellt worden sein, wo er einen Auflösungsvertrag vorgelegt bekommen haben soll.

OB Thorsten Kornblum neben einem Gemälde seines Vorgängers Ulrich Markurth. | Foto: Wallbaum

Im Arbeitsgerichtsprozess, den der entlassene Leiter anstrengt, ist laut „Braunschweiger Zeitung“ vorgetragen worden, dass die VHS gar keine eigenen Compliance-Regeln hat. Deshalb habe gegen die gar nicht verstoßen werden können. Zwar sei Tanja Pantazis in dem Bewerbungsgespräch ihres Bruders dabei gewesen, sie sei digital zugeschaltet worden. Doch dies sei auf Anweisung der VHS-Geschäftsführung geschehen. Wird die Personalie also aufgebauscht, um mögliche Angriffspunkte im Vorfeld der von OB Thorsten Kornblum (SPD) angestrebten Wiederwahl auszuräumen? Seltsam ist wohl auch, dass in einem ersten Pressebericht ein Sprecher der Stadtverwaltung zu Wort kam - obwohl die Stadt selbst hier gar nicht agiert, sondern die VHS. Oder war die Entlassung nicht übertrieben, da die enge Arbeitsbeziehung zwischen Tanja Pantazis und ihrem Bruder generell nicht toleriert werden konnte? Das Arbeitsgericht verhandelt im August wieder darüber. Das Ganze ist automatisch ein Politikum, da der frühere Arzt und jetzige Bundestagsabgeordnete Christos Pantazis einer der wichtigsten SPD-Politiker auf Bundesebene ist. Gleichzeitig gilt das Verhältnis zwischen ihm und OB Kornblum als nicht spannungsfrei – Pantazis wollte selbst vor Jahren Braunschweiger SPD-Bezirkschef werden, wurde aber vom Amtsinhaber Hubertus Heil ausgebremst, indem dieser seinen angekündigten Rückzug hinausschob. Als Heil dann abtrat, präsentierte er überraschend Kornblum als Nachfolger – und Pantazis wurde erneut verhindert. Danach kam es wiederholt zu parteiinternen Auseinandersetzungen, in deren Zuge Pantazis den SPD-Unterbezirksvorsitz abgab, aber sein Bundestagsmandat behielt. Schon in seiner Zeit als Landtagsabgeordneter galt Pantazis als kritischer und unangepasster Kopf, der manche politische Prozesse der Parteiführung ausgesprochen distanziert betrachtete.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #095.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum

Artikel teilen

Teilen via Facebook
Teilen via LinkedIn
Teilen via X
Teilen via E-Mail
Rechtsverstoß oder übertriebene Sanktion? Wirbel um Personalie in der Stadt Braunschweig