14. Juli 2026 · 
SerieKultur

Ein Essay übers Essen in der Politik

In unserer Sommer-Edition widmen wir uns leichterer Kost: Es geht ums Essen. Die Rundblick-Redaktion hat sich zu Kantinengesprächen verabredet. Warum eigentlich?

Als mich neulich eine Praktikantin begleitete, fiel mir erst wieder auf, wie häufig es in unserem Job doch ums Essen geht. Oder besser: wie häufig während unserer Arbeit gegessen wird. Los ging es mit einem Sommerfest der Landeskirche, bei dem Food-Trucks zwischen Kirche und Amt standen. Zur Redaktionskonferenz am nächsten Tag dann brachte ich Croissants mit, um die Stimmung zu heben. Und dann die vielen Termine, bei denen ganz groß aufgetischt wird – insbesondere rund um die Plenarsitzungen des Landtags. Da gibt’s das Pressefrühstück bei SPD und Grünen, CDU oder AfD. Mit belegten Brötchen, Rohkost-Sticks, Wraps oder Rührei mit Würstchen. Oder die parlamentarischen Abendveranstaltungen, bei denen kein Redner zwischen die Gäste und ihren Gang zum Buffet geraten möchte. Dass für das leibliche Wohl gesorgt ist, setzt der gemeine Journalist inzwischen häufig schon als gesetzt voraus. Der Pressesprecher denkt sich wohl: Ein satter Reporter schreibt nur Gutes! Umgekehrt lässt es sich nicht leugnen: Wem der Magen knurrt, wird schneller ungnädig.

Gegenstand und Gelegenheit: Essen ist politisch. | Foto: GettyImages-BaderEisele

Was einige als Privileg empfinden mögen, finde ich fast lästig. Ich mag es gar nicht, wenn Essen und Arbeit kombiniert werden. Immer ist der Mund gerade voll, wenn man gerade eine Frage stellen möchte. Und nie ist ausreichend Platz für Teller und Notizblock auf dem Tisch. Eine Sache bleibt dabei stets auf der Strecke: entweder der Job, oder der Genuss. Tischt mir nicht gerade jemand etwas auf, gibt’s für mich drei mögliche Pausenprogramme. Ich verdrücke ein Brötchen zwischen Küchenklatsch und Laptop. Ich streiche die Pause komplett. Oder ich verabrede mich mit lieben Menschen. Eindeutig die gesündeste Variante. Vor diesem Hintergrund entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet ich mich nun für eine Artikelserie eingesetzt habe, an deren Anfang je ein berufliches Essen stehen sollte: In diesem Sommer liefern wir Ihnen fünf verschiedene Kantinenkritiken. Warum aber beschäftigt sich ein Politikjournal nun mit dem Essen?

Zum einen ist Essen zweifelsohne eine politische Angelegenheit, und damit meine ich noch keine Kulturkampfdebatte um Veggie-Tage. Nehmen wir allein den Umstand, dass die Deutschen prozentual und absolut betrachtet für ihr Essen deutlich weniger Geld ausgeben als zum Beispiel die Franzosen. Das verrät nicht nur etwas über das Preisniveau, sondern auch über die Esskultur, und hat natürlich eine große Bedeutung für den gesamten Agrarsektor, der in Niedersachsen mit dem vor- und nachgelagerten Bereich immerhin der zweitgrößte Wirtschaftszweig ist. Die Zukunft des niedersächsischen Agrarsektors wird natürlich nicht allein in Hannover, sondern auch in Berlin und Brüssel politisch geprägt. Eine entscheidende Rolle spielen dabei aber auch die Kantinen landauf, landab. Möchte die Politik Bevölkerungsgruppen mit geringen Einkommen, zum Beispiel Studenten, entlasten, setzt sie beim vergünstigten Mensaessen an – Stichwort: Niedersachsen-Menü. Möchte man den Kindern im Land eine gesunde Ernährung zu Teil werden lassen und zugleich vermitteln, sind die Schulmensen gefragte Ernährungs- und Lernorte. Und soll dann noch die Ökolandbau-Quote erhöht oder regionale Wertschöpfung gestärkt werden, sind die (öffentlichen) Kantinen allerorten große Hebel, die wirklich etwas verändern können.

Der kurze Dienstweg verläuft gelegentlich durch die Kantine. | Foto: GettyImages-eyecrave-productions

Zum anderen ist Essen eine soziale Angelegenheit. Die Weltlage wird täglich millionenfach an Küchentischen verhandelt. Robert Habeck hatte das sogar mal zum Wahlkampfprogramm erklärt. Bestimmt werden auch heutzutage noch viele Diskussionen damit beendet, dass eine Instanz sagt, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und Widerworte nicht erlaubt sind, solange die Füße des anderen unter dem Tisch des Hausherrn sind. Der gut gedeckte Tisch ist also eine Verheißung und eine Einladung zum offenen Austausch. Wem man sich dabei gegenübersetzt, bestimmt dabei auch die inhaltliche Menüfolge. Kantinen wiederum sind Orte, an denen sich Begegnungen auch zufällig ereignen können. So entsteht der kurze Dienstweg vielleicht in der Schlange zur Speisenausgabe. Oder eine Information macht die Runde, weil Gesprächsfetzen vom Nachbartisch herüberhallen. Wenn ich also mal eine der zahlreichen Kantinen der Landeshauptstadt aufsuche, frage ich mich immer auch: Wer isst denn da sonst noch so?

Manchen dieser Aspekte wollen wir uns in den kommenden Ausgaben dieser Sommer-Edition widmen. Bon Appetit!

Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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