Am heutigen Freitag, dem 6. Februar 2026, liegt ein historisches Ereignis genau 50 Jahre zurück. Damals ist Ernst Albrecht - wie bereits drei Wochen zuvor, am 15. Januar 1976 - im Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt worden. In geheimer Wahl mussten sich auch drei Abgeordnete der Regierungsfraktionen, SPD und FDP, für den CDU-Bewerber ausgesprochen haben. Das Besondere an diesem 6. Februar 1976 war, dass nun keine Bestätigung des Kabinetts durch den Landtag mehr nötig war. Das heißt: Jetzt konnte Albrecht die Regierungsgeschäfte mit seinem Kabinett übernehmen, seine Regierungszeit begann jetzt richtig. Wir sprechen mit Fritz Brickwedde, dem früheren Regierungssprecher von Ernst Albrecht, über die Besonderheiten dieses Politikers, der bis 1990 die Landesregierung geführt hat.

Rundblick: Sie gehörten lange Zeit zu den engsten Begleitern von Ernst Albrecht. Wie erklären Sie sich seinen Erfolg innerhalb der CDU, da er doch eigentlich als „einer von außen“ (nämlich aus Brüssel) zur Landespolitik gekommen war?
Brickwedde: Ernst Albrecht lernte ich intensiv in den Landtagswahlkämpfen 1970 und 1974 kennen. Von da an hatten wir ein sehr gutes Verhältnis, menschlich, politisch und schließlich beruflich. Sein Erfolg als „Quereinsteiger“ lag darin, dass Wilfried Hasselmann als CDU-Landesvorsitzender Albrecht von Brüssel nach Hannover holte. Hasselmann und Albrecht ergänzten sich idealtypisch und waren wirklich befreundet, was in der Politik selten ist. Emotion und Intellekt gingen ein Bündnis ein. Ohne Hasselmann wäre Albrecht nicht der Spitzenmann der Niedersachsen-CDU geworden, ohne Albrecht hätte es keinen CDU-Ministerpräsidenten gegeben.
Rundblick: War Albrecht in seiner Regierungszeit eigentlich beliebt? Oder wurde er stärker geachtet? Gab es eine Distanz zwischen ihm und den Abgeordneten?
Brickwedde: Kein Ministerpräsident in Niedersachsen hat so lange regiert wie Albrecht. Dafür braucht es Beliebtheit in der Bevölkerung. Bei den Abgeordneten war er aufgrund seiner Ausstrahlung und Sachkompetenz geachtet. Aber Albrecht hielt eine gewisse Distanz, an Trinkgelagen nahm er nicht teil. Verbrüderung war nicht sein Ding. Der erste, der den Ministerpräsidenten ohne Respekt behandelte, war Oppositionsführer Gerhard Schröder, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Karl Ravens. Wie mir Schröder einmal sagte: „Albrecht ist ein Bürgersöhnchen. Dem schlag ich täglich in die Fresse, bis er nicht mehr kann.“
Rundblick: Wie hat es Albrecht geschafft, in allen landespolitischen Themen in die Tiefe vorzudringen? Wie war sein politisches Umfeld aufgebaut, hatte er Berater, die für ihn die Akten gewälzt und gelesen haben?
Brickwedde: Albrecht hatte eine sehr gute akademische Bildung als Philosoph und Ökonom. Er hatte eine wertvolle administrative Erfahrung als Generaldirektor Wettbewerb in Europa und schließlich als Vorstandsmitglied bei Bahlsen und wirtschaftspolitischer Sprecher der Landtagsfraktion. Albrecht las alle Kabinettsvorlagen von A bis Z. Freitags fuhr er mit allen Akten nach Beinhorn und war am Dienstag im Kabinett nicht selten besser im Stoff als mancher Minister. Der Ministerpräsident hatte die für Minister unangenehme Eigenschaft, Abteilungs- oder Referatsleiter in den Ministerien direkt anzurufen. Darüber hinaus hatte Albrecht sehr fleißige und kompetente Mitarbeiter, etwa Staatssekretär Meyer oder Abteilungsleiter Schnellecke, der spätere OB in Wolfsburg. An eine Episode erinnere ich mich gut: Die Minister, die Aufsichtsratsmitglieder bei VW waren, berichteten im Kabinett darüber, dass VW Probleme mit der Einführung des Katalysators habe und von der Landesregierung erwartet werde, dass die Verpflichtung für den Katalysator mindestens deutlich verzögert werden soll. Daraufhin sagte Albrecht: „Ihr seid nicht die Vertreter von VW im Kabinett, sondern die Vertreter Niedersachsens bei VW.“ Niedersachsen stimmte der Einführung des Katalysators daraufhin zu.

Rundblick: Albrecht hatte nach seiner Wahl 1976 sehr schnell eine wichtige bundespolitische Rolle. Wie konnte ihm das gelingen? Was ist das Geheimnis seiner starken bundesweiten Ausstrahlung zu jener Zeit?
Brickwedde: Ernst Albrecht war für Helmut Kohl eine sehr wichtige Stütze. Ohne Albrecht wäre Kohl als CDU-Bundesvorsitzender und Kanzler kurz vor der Wiedervereinigung gestürzt worden. Albrecht hat sich trotz Einladung der Rebellion nicht angeschlossen. Auch einen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hätte es ohne Albrecht nicht gegeben. Der niedersächsische Ministerpräsident war damals einer der stärksten Figuren in der Spitze der Bundes-CDU mit einem bundesweiten Charisma. Deswegen hatte ihn Kohl auch als Alternative zum Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß nominiert.
Rundblick: Was die Inhalte angeht (Polen-Verträge, Boat-People) prägte Albrecht eine sehr starke liberale Ausrichtung in der CDU. War das Teil der Strategie, sich der FDP anzunähern?
Brickwedde: Ernst Albrecht war ein „Überzeugungstäter“. Er hatte ein sehr starkes evangelisch-christliches Fundament. Die hilflosen Vietnamesen vor dem Tode des Ertrinkens zu retten war ihm und seiner Familie ein echtes inneres Anliegen. Nachdem er davon Wilfried Hasselmann überzeugt hatte, lief die niedersächsische Hilfsaktion an. Rupert Neudeck hat bei Albrechts Beerdigung seinen Enkeln gesagt: Ihr könnt stolz darauf sein, dass Euer Großvater so viele Menschen gerettet hat.
Rundblick: Wen würden Sie als Hauptkonkurrenten von Albrecht in der Union bezeichnen?
Brickwedde: Die CDU/FDP-Koalition in Hannover stärkte natürlich in der Bundes-CDU die Position der Mitte. Das gilt gerade für die Akzeptanz des Polen-Abkommens. Bei aller Kritik hatte Kohl in Ernst Albrecht einen loyalen Mitstreiter an seiner Seite. Kohl und Albrecht arbeiteten eng zusammen, häufig auch mit positiven Ergebnissen für Niedersachsen wie etwa die Strukturhilfe. Albrecht schätzte auch Heiner Geißler sehr. Dessen Abberufung als Generalsekretär bedauerte er. Die Minister in Hannover - von Walther Leisler Kiep bis Werner Remmers - waren der CSU ein Dorn im Auge.
Rundblick: Was macht die Albrecht-Politik rückblickend so besonders, womöglich gar einzigartig?
Brickwedde: Was mich bei Ernst Albrecht besonders beeindruckt hat, war seine Gradlinigkeit gegen den Zeitgeist. Während Gerhard Schröder ein halbes Jahr vor dem nicht vorhersehbaren Ende der DDR im Landtag den Ministerpräsidenten aufforderte, von der „Lebenslüge Wiedervereinigung“ Abstand zu nehmen, hat Albrecht dem SED-Generalsekretär Erich Honecker in Ostberlin ins Gesicht gesagt: „Eine Grenze in Deutschland erkennen wir nicht an. Die Deutschen in der DDR sind für uns keine Ausländer. Die Erfassungsstelle in Salzgitter kann nur abgeschafft werden, wenn an der Grenze nicht mehr geschossen wird.“ Trotzdem hat Honecker bei diesem Termin den Vorschlag Albrechts für einen deutsch-deutschen Umweltfonds unterzeichnet.
Rundblick: Wäre ein Politiker wie Albrecht heute noch erfolgreich?
Brickwedde: Heute gibt es zu viele glatte Kiesel und zu wenige eckige Steine in der Politik. Es gibt auch zu viele ohne gute Bildung und Berufserfahrung. Und ich vermisse bei vielen auch Werte als Fundament. Albrecht, Stoltenberg, Biedenkopf, Geißler: wo sind die heute? Ernst Albrecht wäre sicher im heutigen Talk-Show-Business auch gut klargekommen, die Frage stellt sich aber, ob er überhaupt in die Politik gegangen wäre. Aber Ursula von der Leyen hat es ja auch getan und sie ist sicher von allen Albrecht-Kindern ihrem Vater am nächsten.


