16. Sept. 2026
MeldungGesundheit

Für mehr Respekt im Gesundheitswesen: Kampagne soll Gewalt eindämmen

Das Phänomen geht durch alle Schichten: Zunehmend rücksichtsloser versuchen Menschen im Gesundheitswesen, ihre Anliegen durchzusetzen. Ein Bündnis will gegensteuern.

Es sind drei echte Gesichter aus Niedersachsen: eine Pflegekraft, eine medizinische Fachangestellte und ein Arzt. Sie sind die Gesichter einer Kampagne, die Patienten zum Nachdenken bringen soll, bevor sie mit Beleidigungen, Drohungen oder sogar körperlicher Gewalt versuchen, ihr Recht auf Gesundheitsversorgung durchzusetzen. „Wer hilft, verdient Respekt“, steht auf den Postkarten und Plakaten, die bis zum Ende des Jahres überall in Niedersachsen in Arztpraxen und Notaufnahmen, auf Werbewänden im öffentlichen Raum und in Kino-Werbespots zu sehen sein werden. Eines der Gesichter ist das von Malte Feurer. Der Unfallchirurg arbeitet seit fast zwanzig Jahren in seinem Beruf und leitet zwei Notaufnahmen im Klinikum Region Hannover. „Früher war es mal ein Patient, über den man sich geärgert hat“, sagt er. „Inzwischen legt ein Großteil der Patienten einen befremdlichen Umgang an den Tag.“ Das Phänomen gehe durch alle gesellschaftlichen Schichten, ergänzt Ärztekammer-Präsidentin Marion Charlotte Renneberg. Dass nach sieben Stunden Warten in der Notaufnahme die Lunte kurz ist, kann Feurer nachvollziehen. Nicht aber, wie Patienten versuchen, ihre Ansprüche durchzusetzen. „In der Notaufnahme arbeiten vor allem Kollegen in Weiterbildung“, erklärt er. „Sie stehen ohnehin schon unter Stress.“ Sein Arbeitgeber habe schon eine Menge unternommen, um die Beschäftigten zu schützen: Es gibt Deeskalationstrainings für das Personal, außerdem wurden die Bestuhlung verändert und Kameras installiert. Es helfe, meint er, wenn Patienten sich darüber klar werden, dass ihr Auftreten aufgezeichnet wird.

Fünf Personen in Businesskleidung halten drei Poster in die Kamera einer Fotografin.
Mark Barjenbruch (KVN), Helge Engelke (NKG), Minister Andreas Philippi, Marion Charlotte Renneberg (Ärztekammer) und Hans Martin Wollenberg (Marburger Bund, v.l.) präsentieren die Kampagne gegen Gewalt im Gesundheitswesen. | Foto: Beelte-Altwig

Für die Kampagne hat sich das Gesundheitsministerium mit der Ärztekammer, dem Marburger Bund, der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) und der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) im Land zusammengetan. „Die Anregung kam von uns“, sagt Hans Martin Wollenberg, erster Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen. Die Ärztegewerkschaft fordert ein ganzes Portfolio von Maßnahmen. Ein erster Erfolg: Gesundheitsminister Philippi konnte seine Kollegen im Bundesrat für eine Initiative gewinnen. Die Bundesregierung wurde aufgefordert, einen Gesetzentwurf zur Verbesserung des Schutzes von Beschäftigten im Gesundheitswesen vorzulegen. Jedoch ist an dieser Stelle bisher nichts passiert. Alle Partner sind sich einig, dass die Gewalt in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Objektive Daten liegen jedoch nicht vor, zumal viele Taten nicht angezeigt werden. Der Marburger Bund, die KVN und die Krankenhausgesellschaft haben aber ihre Mitglieder dazu befragt. So hat jede zweite Arztpraxis zwischen 2019 und 2024 mindestens einen Übergriff erlebt. 72 Prozent der befragten Kliniken beobachten einen Anstieg der Gewalt. 78 Prozent der Pflegekräfte und 30 Prozent der Ärzte mussten bereits persönliche Erfahrungen damit machen. „Wir haben ein Interesse daran, dass die Arbeitgeber künftig häufiger Anzeige erstatten“, wünscht sie Wollenberg. Helge Engelke, der Direktor der NKG, meint dagegen, bei der derzeitigen Gesetzeslage lohne sich eine Anzeige oft nicht. Die Häuser motivieren aber ihre Beschäftigten, sich „nichts gefallen zu lassen“: „Das Ziel ist Null Toleranz“, sagte Engelke vor Journalisten.

Auch Gesundheitsminister Philippi hat in seiner Berufspraxis als Arzt Übergriffe erlebt. Einmal habe ihm jemand gedroht, er solle künftig aufpassen, wer in der U-Bahn-Station hinter ihm gehe. „So etwas bleibt im Kopf. Das geht auch nicht weg, wenn man Anzeige erstattet“, berichtete er. Über die Ursachen des Phänomens können die Partner der Kampagne derzeit nur spekulieren. KVN-Vorsitzender Mark Barjenbruch spricht von einem „Amazon-Effekt“: „Menschen sind es nicht mehr gewohnt zu warten.“ Philippi sieht einen Effekt sozialer Medien: Durch sie sei es leicht geworden, fremde Menschen zu beschimpfen. Renneberg beobachtet eine mangelnde Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung bei den Patienten, und Engelke lenkt den Blick auf das Gesundheitssystem selbst: „Der Druck wird überall größer, die Arbeitsbelastung ist angestiegen. Es gibt eine ,gefühlte Unterversorgung‘. Manchmal ist es das Quentchen Zuwendung, das in einer Notsituation vielleicht fehlt.“ Wollenberg formuliert es aus der Sicht des Psychiaters: „Die Menschen haben das Vertrauen verloren, dass das, was wir für sie tun, hilfreich und unterstützend ist. Wir wollen den Patienten sagen: Habt Vertrauen!“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #161.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig